Jun 15 2016

Audiokassetten retten: von der Kassette nach MP3

veröffentlicht in Kategorie Computer  

Mal was ganz anderes vom Bergpropheten: Die Anlage meiner Mutter ist in die Ewigen Jagdgründe eingegangen. Zurück bleiben ein Turm von alten Kassetten. Wie man diese alten Schr.. äh “Kulturellen Schätze” vernünftig in ein modernes Format bringt, darum geht es hier im ersten Teil.

Vorneweg: Qualitätsmäßig wird hier ein ordentliches Consumer Level angestrebt, sicherlich absolut keine highfidelen oder gar HighEndigen Ambitionen, das würde das teilweise steinalte Quellmaterial, das verlustbehaftete Ausgabeformat und die in der Aufnahmekette beteiligten Komponenten gewiss gar nicht leisten können – und wäre am Ende für meine Mutter total für die Katz, die beim Anlagenkauf vor allem darauf achtet, dass man das Ding nicht sieht, es möglichst nix kostet und möglichst keine Knöpfe hat.

Das erste Problem ist, mit was soll ich denn nun die Tapes abspielen?

Hardware zu Aufnahme

Nun, wir brauchen was, was Kassetten in erträglicher Qualität abspielen kann. Mein erster Griff war leider ein absoluter Fehlgriff: ich hab mich wieder mal von der Werbung verleiten lassen und so ein billig China-Plastik-Walkmanteil mit USB Anschluss gekauft. 30,00 Euro, zeichnet auch ohne PC direkt auf USB Stick auf. Klingt gut, oder? Die Amazon Bewertungen sprechen von astreiner Qualität. Gut 130 5-Sterne Bewertungen. Ok, gekauft.

Unterirdisch.. Nicht kaufen

Unterirdisch.. Nicht kaufen

Saublöd war, dass ich das Ding dann erst mal 2 Monate habe liegen lassen. Mutters alte Volksmusi & Schlagersammlung zu rippen ist nunmal Masochismus pur, ich hatte es da nicht wirklich eilig mit. Nach dem Auspacken war die Ernüchterung dann riesig. Zugegeben, Geschmäcker und Ansprüche in Sachen Musik und Klangqualität unterscheiden sich ja gerne mal. Ganz offensichtlich sind zum Beispiel meine Ansprüche an Qualität anders als die der Amazon Reviewer – vorneweg die bezahlten bzw. Gratistester aus der Amazon Testelite natürlich, die wohl alles in den Himmel loben, was gratis vor der Türe aufschlägt, oder wie kann man so ein Mist mit 5 Sterne bewerten? Selbst wenn das Ding den besten Klang der Welt hätte: der wackelige Billigplaste Schrott kann niemals ohne Punktabzug bleiben. Das tatsächliche Ergebnis der (strunzdoofen) Aufnahmefunktion ist dann zudem mit beschissen noch sehr liebevoll umschrieben. Sind die alle taub oder was? Gleichlaufschwankungen (es eiert gleich auf mehreren Ebenen), dumpf-breiiger Tondurchfall ohne jeglichen Klang, dafür garniert mit nervig elektronisch klingenden Störgeräuschen, das wird da auf den Stick gebannt. Der komplett hirntote Aufnahmeteil bekommt nicht mal mit, dass das Band schon seit ner halben Stunde fertig ist und zeichnet munter weiter auf. Natürlich lassen sich auch keine Aufnahmepegel einstellen.  Dazu das billig Plastikgehäuse, alles klappert, wackelt, die Playtaste rastet auch nicht richtig ein und alles wirkt irgendwie ganz schlimm.

Also ganz so fürchterlich schlecht klangen die Tapes meiner Erinnerung nach auf Moms alter Anlage vorher  nicht, wenn ich gelegentlich mal zu Besuch war. Der Wurm muss also im Gerät stecken und wenn ich mir die 50 1-Sterne Bewertungen zu Herzen genommen hätte, hätte ich dieses Geld sparen können. Ich entschloss mich daher, über 25 Jahren seit ich mein letztes Tapedeck aufm Flohmarkt verhökert hatte, doch nochmal eines zu kaufen. Aber oh Schreck: die Teile gibts ja gar nimmer! Beim Stöbern bin ich dann auf den Tapedeck Doc aus Stuttgart gestolpert, der auf Amazon.de einige gebrauchte und vor allem wieder gut in Schuss gebrachte Decks anbietet, ab 50 Euro aufwärts. Und kein Billigmist, sondern solide Tapedecks namhafter Hifi Firmen. ( TapedeckDoc’s Shop auf Amazon.de ) Gut, 50 Euro aufwärts ist auch Geld, aber den Chinakram gibts ja auch nicht gratis. Und im Gegensatz zum Privatverkauf über eBay hier mit Gebrauchtgeräte Garantiepflichten eines gewerblichen Anbieters.

Für unsere Zwecke langt ein einfaches Deck ganz ohne Schnickschnack, es muss einfach nur eine Kassette abspielen können und das in ordentlicher Qualität. Es muss daher absolut kein 3-Kopf Deck sein ( der 3. Kopf wird nur für Bandaufnahme und nicht zum Abspielen genutzt) und auch die ganzen anderen Aufnahmefunktionen sind völlig wurscht.

Ich entschied mich dann für ein  Denon Modell um 80 Euro, weil ich mich erinnern kann, wie das damals rauskam und wie mich die ungewöhnliche Schublade fasziniert hatte.  Geliefert wurde rasend schnell, schneller als angegeben, top verpackt dazu noch. Der Zustand des Decks war einwandfrei und die Ton-Qualität verblüffend gut.

kasettendeck

sieht mit Blitz immer Kagge aus.. bin aber top zufrieden

Eine Auto-Reverse Deck wäre im Nachhinein betrachtet praktisch gewesen, weil man dann Vor- und Rückseite in einem Durchgang hätte digitalisieren können, was später bei der Weiterverarbeitung ein paar Sachen vereinfacht hätte. Aber nun gut, nun wars zu spät und nochmal eines kauf ich in diesem Leben nimmer. Legt Euch mal sicherheitshalber noch ein Pack Q-Tips und ein Fläschchen vom guten Isopropyl Alkohol zurecht, denn das eine oder andere Band kann schon mal Dreck auf dem Kopf zurücklassen. Bitte keine inzwischen zwangsweise uralten Reinigungskassetten mehr benutzen, und absolut auf gar keinen Fall nutzt man die trocken!

Anschluss an den PC

Der Anschluss an den PC ist auch recht simpel, ein herkömmliches Stereo-Chinchkabel auf MiniKlinke, wie es bei Soundkarten eh üblich ist und ab damit in den LineIn Eingang, der bei den allermeisten PCs und selbst Laptops zu finden ist (gerne auch mal kombiniert als im Treiber umschaltbarer MicIn / LineIn an der Front oder hinten an den Ausgängen des Mainboards) Bei meiner Realtek basierten “Soundkarte” (is nur ein Chip aufm ASUS Mainboard) war der LineIn kombiniert mit dem Mehrkanal Ausgang für die Rear Lautsprecher, also entweder 5.1 oder LineIn. Um ihn zu nutzen musste ich also erst die Boxenkonfiguration auf 2 Kanal Stereo ändern, dann konnte ich der Buchse die Funktion LineIn zuweisen. Passt.

Nun stellte sich die Frage nach der Software. Ich hab 3 Programme ausprobiert:

Software für die Aufnahme:

als Abonnent der Adobe CC Suite hatte ich ja sowieso schon eine Lizenz für das recht teure Adobe Audition CC. Ein sehr gutes Programm, sagen die Kollegen, die das im Büro nutzen, um Aufnahmen eingesprochener Texte bis ins kleinste Detail zu manipulieren, da ein Kiekser oder ein Schnaufer weg, dort ein Hintergrundgeräusch rausmachen, usw. Gute Software wohl, aber absoluter Overkill für mich oder diese Aufgabe und nun gewiss nicht für den Workflow zum rippen von Kassetten optimiert. Vom Preis wollen wir mal gar nicht reden.

Adobe AuditionCC - Overkill für mich

Adobe AuditionCC – Overkill für mich

Ähnlich erging es mir mit der äußert populären Freeware Audacity, auch damit kann man die Aufgabe problemlos lösen und noch vieles mehr, aber wie so oft gefiel mir auch da die Bedienung und der Workflow hinten raus nicht (Tracks erstellen, Pausen raus schneiden, Tagging, usw.). Irgendwie fand ich das von der Bedienung her sperrig. Jetzt krieg ich bestimmt wieder eine auf den Deckel, aber das geht mir bei freier Software oft so, dass die zwar von der Funktion prima sind, aber bei der Usability klemmts. Aber Audacity ist definitiv ein Versuch wert: Audacity Homepage

Freeware Multitalent Audacity

Freeware Multitalent Audacity

Übrigens: Audacity ist nicht die Konkurrenz zur der VW-Stadt Wolfsburg.. die Betonung würde ich daher, audacious wie ich nun mal bin, eher auf die 2. Silbe legen.

Mehr aus Jux und Tollerei dachte ich mir dann: Ok, Probieren wir doch einfach mal das Magix Audio Cleaning Lab 2017, mit nem Strassenpreis um 40,00 Euro. Da gibts ne Demoversion, die nicht in den Funktionen beschnitten ist. Nun war ich in der Vergangenheit von Magix Software meist nicht wirklich begeistert, ich hab hin und wieder mal Adjektive wie “primitiv und billig” benutzt aber was soll ich sagen: diese Software hat mir am Ende am Besten gefallen, ganz einfach weil es den Workflow tatsächlich sinnvoll unterstütz. Der ganze Ablauf wirkt sehr “streamlined”: Aufnehmen, Autokorrektur, Mastering brauchts meist nicht, die Titel eintippen (oder FreeDB befragen lassen), Export, fertig. Schnell und unkompliziert inkl. Tagging.

Magix Audio Cleaning Lab 2017

Magix Audio Cleaning Lab 2017

Dabei werden Tracks per Pausenerkennung sehr zuverlässig erkannt (die Schwelle ist einfach per Schieberegler definierbar) und die einzelnen Titel werden schön sauber aufgeteilt und Beginn und Ende passend zurechtgestutzt. Auch die Pegelaussteuerung geht ordentlich (allerdings habe ich zuweilen einen Balance Regler vermisst). Die automatische “Säuberung” liefert auf Knopfdruck ebenfalls ordentliche Ergebnisse ohne dass man selber viel Rumfummeln müsste. Im Bereich Mastering gibts dann ein paar sinnvolle Presets für typische Probleme alter Bandaufnahmen, aber in der Regel ist da weniger oft mehr. Alle Funktionen & Effekte sind mehrstufig angelegt: Automatik, diverse Presets oder halt die volle Kontrolle (die dann aber oft auch mehr Verständnis von der Materie erfordert, als ich sie habe). Was auf den ersten Blick wieder wie eine extrem simple Software wirkt, kann dann, wenn man tiefer in die Details einsteigt, mit Funktionen aufwarten, die man eigentlich eher von der teuren Profisoftware erwarten würde. Sachen z.b. wie das Ausradieren von Störgeräuschen in der Spektral-Ansicht z.b – aber das braucht’s für den gedachten Zweck eigentlich eher selten bis gar nicht. Es kann im Grunde also mehr, als man tatsächlich braucht – mir ging es auf jeden Fall so. Als Exportformat werden neben MP3 in zahlreichen Varianten auch FLAC, AAC, Wav, Aif, Ogg und WMA unterstützt.

Der Gag an Audio Cleaning Lab ist aber die uneingeschränkt nutzbare Demoversion auf der Magix Homepage. Zunächst läuft die Demoversion mal 7 Tage. Gegen Registrierung (Eingabe der eMail Adresse) bekommt man dann einen Freischaltcode, mit dem die Software weitere 21 Tage weiterhin nutzbar bleibt. Das sind also 28 Tage, die man ohne zu Zahlen voll mit der Demoversion arbeiten kann. In 28 Tagen kann man, wenn man das etwas vorbereitet hat, doch einige Kassetten fertig machen. Wem das nicht reicht, der findet das Magix Audio Cleaning Lab bei Amazon.de nochmal ein paar Euronen billiger als auf der Homepage.

 

So ausgerüstet…

gelang es mir nun innerhalb der Testzeit den Berg an alten Kasetten nach MP3 zu konvertieren. Ich muss sagen, ich war teilweise echt überrascht, wie gut Kassetten doch noch klingen. Die älteste Kassette war übrigens von 1970 und damit 3 Jahre älter als ich, sie klingt ganz ohne großes Gepfriemel noch gut genug für die Ansprüche und künftige “Anlage” meiner Mutter. Gut, ohrentechnisch leide ich vermutlich die nächsten Wochen an den Spätfolgen der Spastelruther Herzbubenkasper und ihren nicht weniger perfiden Artgenossen, aber ich bin zufrieden mit dem Ergebnis.

 

PS: einige der weniger exotischen  bzw. “weniger deutschen” Alben habe ich auf dem Musik-Flohmarkt murfie.com für 1,00 USD Dollar gefunden.. Kaufen ist zwar teurer als selber rippen, aber die makellos gerippten Dateien in lossless Formaten (ich bevorzuge FLAC ) von murfie.com haben durchaus einen Reiz, wenn man günstig findet, was man sucht. Ein bissl habe ich also auch beschissen und dann einfach vom gekauften FLAC schnell runter konvertiert.

 

In 2 weiteren Teile werden ich mich dann um die Komplettierung der neuen Anlage kümmern:

Teil 2: Raspberry Pi 3 & 7″ Touch Display als Seniorengerechter MP3-Player und Webradio
Teil 3: Selber designed & 3D gedruckt: das Gehäuse für Mamas neue Musikzentrale

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3 responses so far

3 Responses to “Audiokassetten retten: von der Kassette nach MP3”

  1. Michaelon 20 Jun 2016 at 09:52

    “…und alles wirkt irgendwie ganz schlimm…”.
    Ich musste so lachen über den ersten Abschnitt. Danke schon mal dafür. So aber jetzt erst mal weiter lesen.

  2. Anonymouson 20 Jun 2016 at 14:37

    Sehr schöner Artikel! Auch ich habe mich damit beschäftigt, altes “Datenmaterial” (LP´s, VHS Cassetten, Dias uswusf) herüber in die digitale Welt zu retten. Auf jeden Fall ein zeitintensives Hobby und man lernt viel dabei, artet aber auch manchmal in stumpfsinnige “Fliesbandarbeit” aus. Und irgendwie erinnert es mich an meine Anfangszeiten der Musikmitschneiderei mit einem Grundig-Tonbandgerät mit Mikro am Lautsprecher des Fernsehers (Janis Joblin im Beatclub und meine Oma verewigt sich auf dem Band beim hereinkommen und stören mit “Was ist den das für ein Krach!”).
    Bin auf jeden Fall gespannt, wie Dein Projekt weitergeht! Toll!

    Peter

  3. Ralf Heilon 15 Jul 2016 at 18:56

    Guter Eindruck; kann ich so auch bestätigen.
    Bin gespannt auch den Raspi Artikel!

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